Rezension: Jaron Lanier – Who owns the Future?

Gepostet von am 19. Juli 2013 in Unternehmenskommunikation | 2 Kommentare

Rezension: Jaron Lanier – Who owns the Future?

Rezension: Jaron Lanier „Who Owns the Future?“

Die dunkle Seite des Internet

Direkt nach den ersten Seiten könnte bei diesem Buch der Eindruck entstehen, man lese das Werk eines Attac-Aktivisten; doch weit gefehlt. Jaron Lanier gehörte bereits in den Achtzigern zu den Pionieren von Virtual Reality-Anwendungen und lehrte an mehreren Universitäten in den USA Informatik. Er ist also weit entfernt von luddistischem Stürmertum und war bislang eher ein glühender Anhänger digitaler Medien.

Bereits in seinem Vorgängerwerk „You are not a gadget“ (2010) kritisierte Lanier bestimmte Aspekte der Open Source Bewegung, insbesondere die Selbstausbeutung der Intelligenzia und den mit der Open Source Bewegung einhergehenden „digitalen Maoismus“, der jegliche Kritik daran verbietet, weil es ja um ein “höheres Ganzes” geht. Diesen Ansatz schreibt er in seinem Neuling nun ein Stück weit fort.

Siren Servers: Facebook, Google und die Folgen

Kerntheorem des neuen Buches sind die sogenannten „Siren Server“, also Großanwendungen wie Google oder Facebook, die wie in Homers Sagenwelt die Sirenen, anlocken und über die schiere Größe und Macht ihrer oligarchischen Strukturen, zugleich bestehende Strukturen massiv zerstören. Das aus Laniers Sicht Fatale: Gerade das System, wie diese neuen Internetcorps zustande kommen, zerstört langfristig das Geflecht einer Industriegesellschaft mit einer breiten Mittelschicht als Zentrum. Denn während Gründer früherer Zeiten anschließend viele Jobs schufen und so zur Bildung einer Mittelschicht beitrugen, fußt das neue System auf einer Idee für einen „Siren Server“, den permanent nach Investitionsmöglichkeiten suchenden Kapitalmärkten und  einer Hit-and-run-Mentalität der Gründer.

Im Endeffekt, so Lanier, bildet das neue System nur noch extremen Reichtum für eine Handvoll und schlechtbezahlte Jobs für den Rest – dieses Thema ist im Grunde kein Neues, sondern wurde von Douglas Coupland im Buch „Microserfs“ bereits in den 90ern literarisch verarbeitet. Außerdem ist es natürlich ein US-amerikanisches Thema, denn insbesondere seit der Finanzkrise ist die kreative Klasse dort größeren Verwerfungen ausgesetzt als jemals zuvor.  Ein weiteres fatales Element dieser Entwicklung aus Laniers Sicht: Durch die Jagd nach dem schnellen Geld bleiben wirkliche Innovationen auf der Strecke.

Wenn er Recht behält, befinden wir uns in einem Zeitalter, in dem sich die Form des Kapitalismus bzw. der sozialen Marktwirtschaft, in der wir arbeiten und wirtschaften, komplett ändert.  Lanier malt das düstere Szenario des Casino-Kapitalismus, in dem wirkliche Arbeit nicht mehr zählt, sondern vielmehr das schnelle  Geld; fest macht er dies an Trends wie der Tatsache, dass es zum Diktat für den Einzelnen wird, sich permanent „neu zu erfinden“.

Bedeutung für Mittelständler

Soviel der Vorrede; besonders interessant für  viele deutschen Mittelständler, die sich noch in Sicherheit wägen, weil sie ja konkrete Produkte herstellen, dürfte dabei sein, dass Lanier das Konzept und die nachfolgende Entwicklung des Musikkopierens inklusive der dadurch entstandenen Zerstörung der Musikindustrie auch auf andere Industrien ausweitet. Das so gemalte Szenario ist erschreckend. Eine Welt, in der Ideen und die dadurch entstandenen Produkte zum Download im Internet bereitstehen, per 3-D-Drucker ausgedruckt werden könnten und damit für den Urheber wertlos werden – mit der Folge der massenhaften Vernichtung von  Jobs.

Quod Kommunikationsbranche?

Interessante Aspekte beleuchtet Lanier auch für Kommunikationsfachleute. Seit dem Aufkommen des Internets gilt es als allgemeingültige Wahrheit, dass man nun Zielgruppen viel genauer „targeten“ könne als je zuvor. Doch er vertritt einen völlig anderen Standpunkt: Nutzerdaten sind in Laniers Augen lediglich Fußabdrücke und „verkleidete Menschen“, die von ihren Absendern ebenso manipuliert sind wie alle anderen Ausdrucksformen des Menschen. Daher ist die Idee des reinen Algorithmus für Lanier typisch für Techniker, die nur allzu gern den menschlichen Aspekt ausblenden. Seiner Meinung nach sind die Ergebnisse von algorithmischen Auswertungen auch nicht viel hilfreicher als der klassische Copytest in der Werbung. Doch Daten und die entsprechende Auswertung zählen zum goldenen Kalb der Branche: Google, Facebook und Co. greifen gezielt die Daten ihrer Nutzer ab und verkaufen sie. Und hier kommt der Algorithmus ins Spiel, mit dem sich Werbekunden dann die „reine Lehre“ der Erkenntnis über Zielgruppen suggerieren lässt. Doch Algorithmen, so Lanier, stehen nicht für Emotionen und Bedeutung, sondern für Statistiken und daraus errechnete Zusammenhänge, die nur bedingt die Wirklichkeit abbilden.

Auf die Frage, welche Bedeutung diese Entwicklungen für die Kommunikationsbranche und die Medien selbst habe, geht er allerdings nicht ein. Schließlich bedeutet die von ihm verkündete Umsonstkultur, unter der fast alle journalisten Angebote bist heute kranken, für die PR-Branche, dass sie sich auf die Dauer selbst auffressen könnte. Sollte die zweite Funktion der Leitmedien – nämlich die Einsortierung von Trends und Entwicklungen –  irgendwann keine Leser mehr finden, die dafür zu zahlen bereit sind, sieht es auch für die PR schwierig aus. Leider liefert das Buch zu diesen Fragen keine Aspekte.

Das Buch erklärt im Übrigen auch für PR-Leute sehr eindringlich, wie viele Phänomen der Halbwelt der Öffentlichkeit und PR heute funktionieren – beispielsweise welche Rolle Talent-Shows im Fernsehen für die Wahrnehmung spielen und wie sie zugleich angestammte Berufe zerstören. Dabei lässt er nicht unerwähnt, dass gerade die im Netz vorhandene Umsonstkultur gezielter Manipulation Tür und Tor öffnet.

In der Tradition des Transzendentalismus

Lanier wäre nicht Lanier, würde er hier nicht – in der Tradition von Ralph Waldo Emerson, Henry David Thoreaus und William James – auf die Fähigkeit des Menschen, zu einem eigenen Urteil zu kommen, zurückkehren. Schließlich besteht die große Gefahr aus seiner Sicht darin, dass wir uns zu sehr auf die Algorithmen verlassen und die Fähigkeit des Menschen, zu eigenen Urteilen zu kommen, zu sehr vernachlässigt wird.

 

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2 Kommentare

  1. Danke für die Rezension. Vom letzten Buch “You are not a gaddget” von alten Jaron war ich nicht so überzeugt. Habe dazu auch was geschrieben.

    • Da fand ich den ersten Teil sehr interessant, der zweite verlor sich irgendwie im Nirgendwo, oder?

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